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Dieter Thoma

     
An dieser Stelle sei einem Mann ein Portrait gewidmet, der sicher allen Sportfans und insbesondere den Liebhabern der nordischen Disziplinen des Wintersports, nicht nur in Deutschland, ein Begriff ist.
Dieter Thoma! In den 80er Jahren als seine großen Erfolge begannen, kommentierte Dieters ebenso erfolgreicher Onkel der Olympiasieger und Weltmeister Georg Thoma für das Fernsehen die Vier-Schanzen-Tournee und verschönerte uns so manche Sprungstunde mit fachmännischen Kommentaren. Nur in dem Moment als sein Neffe Dieter da oben auf dem Balken saß, da war es schlagartig still, man hörte nur noch ein "Jetzt kommt der Dieter" und dann erklang die Stimme Georg Thomas erst wieder, als der Dieter gesund unten im Auslauf stand.

   

Hinterzarten und die Anfänge einer großen Sportkarriere
Am 19.10.1969 erblickte Dieter als fünftes Kind der Familie Inge und Franz Thoma im Schwarzwald das Licht der Welt. Für Dieter Thoma ist Heimat kein abstrakter Begriff, sondern ein Wort mit Inhalt. Als Junge rannte er in Hinterzarten über Stock und Stein, als Mann baute er sich dort ein Haus. Und Bürgermeister Hansjörg Eckert weiß, was er seinem Sportstar zu verdanken hat. Nach Georg hat vor allem Dieter Thoma diese Gemeinde in der Welt bekannt gemacht. Ein anderer, junger und erfolgreicher Skispringer namens Sven Hannawald hat Hinterzarten zu seiner Wahlheimat erklärt und lebt seit 1991 in diesem wunderschönen Schwarzwaldörtchen, wobei ihn eine sehr gute Freundschaft zu Dieter verbindet. Zunächst ein kleiner Exkurs ins eben erwähnte Hinterzarten. "Ein kleines Dorf mit einem großen Namen: Unter Kennern, die Klasse statt Masse suchen, gilt Hinterzarten mit seinem natürlichem Charme und reizvollem Angebot als sichere Empfehlung zu jeder Jahreszeit, als ideales Sommerziel und renommierter Wintersport Treffpunkt. Man schätzt die gepflegte Gastlichkeit, die attraktiven Freizeitmöglichkeiten und nicht zuletzt das Gesundheitsangebot des staatlich anerkannten Kurorts. Hinterzarten hat seinen unverwechselbaren Charakter bewahrt und wurde nicht allein deshalb schon mehrfach als schönster Ort Baden-Württembergs ausgezeichnet. Die gesamte Gemarkung inmitten des faszinierenden Hochschwarzwaldes, vom Titisee bis hoch zum Feldberg, steht unter Natur- und Landschaftsschutz." So titelt die Kurverwaltung und sie hat recht.
Skifahren kann ein echter Hinterzartener, noch bevor er laufen kann, so sagt man. Und damit sind wir wieder bei den ersten Gehversuchen und vor allem bei den ersten Erfolgen Dieter Thomas auf eben diesen Brettern. Der Skisport liegt bei der Familie Thoma anscheinend im Blut, war doch der Großvater Albert Skilehrer und Langlauftrainer, Vater Franz Langläufer der Nationalmannschaft und der schon erwähnte Onkel Georg Olympiasieger und Weltmeister in der Nordischen Kombination. Der Vater Franz war derjenige, der Dieter damals entdeckte und ist auch heute noch Bezugsperson, sozusagen Entdecker, Trainer und Manager in einer Person.
Mit gerade mal sechs Jahren machte Klein Dieter seine ersten Sprünge von einer Schanze und nahm im zarten Alter von neun Jahren stolz seinen ersten Siegerpokal entgegen. Damals gewann er in Friedenweiler im Schwarzwald mit Sprüngen von 23 und 23,5 Metern. Nur knapp zwei Jahre später mit zehn Jahren unternahm Dieter eine für ihn sehr erfolgreiche Reise zum Skiwettkampf nach Altlastenberg im Sauerland, wo er einen hervorragenden dritten Platz mit Sprüngen von 37 und 39 Metern feiern konnte. Von nun an blickten nicht nur Experten auf den kleinen Rotschopf aus dem Schwarzwald, sondern auch der Deutsche Skiverband wurde auf ihn aufmerksam, nicht zuletzt dadurch, daß er in den nachfolgenden Jahren zumeist als Sieger von diversen Wettbewerben ins heimische Hinterzarten zurückkehrte. Nicht weiter verwunderlich war schließlich die Aufnahme Dieter Thomas in den C-Kader des Deutschen Skiverbandes im Jahre 1984, wo er zu Peter Schwinghammer und später dann zu Ewald Roscher kam, damaliger Bundestrainer und "Skisprung - Professor" aus Baden Baden, welcher auch schon Onkel Georg bei dessen Olympiasieg in Squaw Valley trainiert hatte. Roscher war schließlich auch derjenige, der Dieter als jüngsten Teilnehmer für die Vier – Schanzen – Tournee 1984/85 nominierte.    
Diese erste Saison unter den ganz Großen des Skisprungs war eine Tour zum schnuppern, doch nur ein Jahr später konnte Dieter seinen ersten internationalen Erfolg für sich verbuchen und wurde am Neujahrstag beim traditionellen Springen in Garmisch-Partenkirchen Elfter mit Sprüngen von 100 und 96 Metern. Sensationell gut für einen Einsteiger. Dennoch war die Tournee für ihn damals schon nach diesen Springen vorzeitig beendet. Man entschied sich dafür dieses Talent behutsam aufzubauen und langsam an die Weltspitze zu führen. Daher zog man es vor, sich zunächst auf die Junioren-Weltmeisterschaften in Lake Placid in den USA zu konzentrieren, wo für den damals schon wahnsinnig ehrgeizigen Dieter ein sechster Platz im Einzelwettbewerb nicht zufriedenstellend war, hatte er doch von einer Medaille geträumt. Diese hatte es auch gegeben, jedoch schon vorher im Mannschaftswettbewerb, wo Deutschland mit Rimmel, Leonhardt, Braun und Thoma die Goldmedaille gewann. Und Dieter Thoma trug mit 92 Metern und Tagesbestnote im letzten Sprung entscheidend dazu bei. Kaum aus den USA zurückgekehrt passierte ein schlimmer Sturz und die Saison war gelaufen, doch die Heilung verlief erstaunlich schnell und nach dem Sturz im Februar auf der heimischen Adlerschanze nahm Dieter nach erfolgreicher Operation bereits im August wieder das Training auf und war ebenso beim internationalen Mattenspringen auf seiner Hausschanze wieder mit dabei. Das Knie hielt, die Vorbereitung verlief ohne große Probleme, und so konnte die Saison 1986/87 kommen. Jene Saison, in der der damals siebzehnjährige Dieter Thoma zum ersten Mal Deutscher Meister auf der 115 m Schanze wurde.
Die folgende Saison 1987/1988 begann mit hervorragenden Plazierungen während der Tournee in Oberstdorf, wo Dieter siebter wurde und einem fünften Platz in Garmisch-Partenkirchen sowie der achte Platz in Innsbruck, die dafür sorgten, daß er zum Abschlußspringen in Bischofshofen an dritter Stelle der Gesamtwertung geführt wurde. Dort konnte er aber leider keinen weiteren Weltcup-Punkt ergattern und auch der Rest der Saison verlief nicht nach Dieters Geschmack. Im internationalen Geschäft war er aber dennoch voll integriert und die ganz großen Erfolge sollten sich bald und in den kommenden Wintern einstellen.


     





 




 
Erfolge bei WM, Olympia und im Weltcup
Den ersten Weltcupsieg feierte Dieter mit 19 Jahren im kanadischen Thunder Bay, wo er sensationell vor den Finnen Matti Nykaenen und Risto Laakonen gewann. Bis heute wurden es 12 Weltcupsiege und über 50 Plazierungen unter den ersten sechs. Der erste Tourneesieg folgte 1990, wo er vor Jens Weißflog und Frantisek Jez nach spannenden vier Springen in Oberstorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen auf dem obersten Treppchen stand. Im gleichen Jahr wurde Dieter in Vikersund überraschend Skiflugweltmeister vor Matti Nykaenen und Jens Weißflog und der Gesamtweltcup bescherte ihm einen vierten Platz.
Das Jahr 1991 war für Dieter Thoma die Saison der dritten Plätze, er wurde Tournee-Dritter und konnte ebenso den dritten Platz im Gesamtweltcup für sich verbuchen. Desweiteren erreichte er den dritten Platz und damit die Bronzemedaille für die Mannschaft aus Deutschland mit Thoma, Weißflog, Hunger und Kiesewetter bei der WM in Val di Fiemme.
Die Jahre 1992 und 1993 waren aus sportlicher Sicht weniger erfolgreich für Dieter Thoma, Erkrankungen, Verletzungen und eine Operation zwangen ihn zu Unterbrechungen. Überhaupt waren es immer wieder Verletzungen, die ihn buchstäblich in die Knie zwangen. Gerade ob der vielen Operationen in all den Jahren der Karriere (unlängst mußte Dieter die 8! Knieoperation über sich ergehen lassen) ist die große Konstanz der Leistung zu bewundern. Im Sommer 1993 arbeitete Dieter hart an der Umstellung zum neuen V-Stil und beherrschte diesen im Winter 1994, wie die Erfolge der Zukunft und des olympischen Winters zeigen sollten.
Es waren die Olympischen Winterspiele im norwegischen Lillehammer, an die wir uns genauso gern erinnern wie Dieter Thoma als teilnehmender Athlet, und jeder kann es sicherlich nachvollziehen, wenn Dieter sich noch heute begeistert zurück erinnert und schwärmt, daß die Norweger dank ihrer Liebe zum nordischen Skisport, der sportlichen Fairneß sowie einer herzlichen Gastfreundschaft eben diese Olympiade zu einem einmaligen, unvergeßlichen Fest gemacht haben. Gekrönt wurde dies aus deutscher Skispringersicht durch den Titel des Mannschaftsolympiasiegers, den die DSV Adler mit Dieter Thoma, Jens Weißlog, Hansjörg Jäkle und Christof Duffner errangen. Ein weiterer Erfolg für Dieter war die Bronzemedaille im Einzelwettbewerb auf der kleinen Schanze.
In der nacholympischen Saison 1995 standen Weltmeisterschaften in Thunder Bay an, von denen die deutsche Mannschaft mit Thoma, Weißflog, Jäkle und Siegmund mit einer Silbermedaille im Gepäck nach Hause zurückkehrte.
Der Winter 1996/1997 war mit vier Weltcupsiegen, dem dritten Platz der Vier-Schanzen-Tournee, dem Weltcupsieg im Skispringen sowie einem zweiten Platz im Gesamtweltcup eine weitere überaus erfolgreiche für Dieter Thoma. Der Höhepunkt 1997 war sicherlich die WM Silbermedaille von der Großschanze in Trondheim und die Bronzene mit der Mannschaft um Thoma, Schmitt, Jäkle und Duffner.
1998 standen in Oberstdorf die Skiflugweltmeisterschaften auf dem Terminplan, bei denen Dieter mit 209 Metern Schanzenrekord flog und die Bronzemedaille hinter Kazuyoshi Funaki und Freund Sven Hannawald gewann. Im gleichen Jahr 1998 standen dann wiederum olympische Spiele im japanischen Nagano auf dem Programm, zu denen die Schwarzwaldadler nicht nur ob der großen Erfolge Dieter Thomas und Sven Hannawalds im Vorwege mit großen Erwartungen angereist waren. Nachdem die Einzelwettbewerbe hinter den Erwartungen zurück blieben, gelang den Jungs in der Mannschaftswertung ein hervorragender zweiter Platz hinter den Gastgebern aus Japan. Silber für Dieter Thoma, Sven Hannawald, Martin Schmitt und Hansjörg Jäkle.
Die Saison 1998/99 war dann zweifellos die Saison des Martin Schmitt, dennoch hat Dieter uns nicht nur während dieses denkwürdigen WM Mannschaftspringens in der Ramsau gezeigt, daß er durchaus nach wie vor vorne mitspringen kann, was auch der Platz auf dem Treppchen im Januar beim Weltcupspringen in Sapporo dokumentiert. Ebenso Beweis für gute Leistung ist der zehnte Platz im Gesamtweltcup. Aber zurück zur WM: War es nicht Dieter Thoma, der entscheidend zum Mannschaftsgold für das deutsche Team beigetragen hat? Sicher war er das mit seinen Sprüngen auf 136 m im 1. Durchgang und 127 m im 2. Durchgang.
Auch der achte Platz bei einer Weltmeisterschaft, den Dieter in Bischofshofen belegte, ist wahrlich nicht zu verachten. Und wie sagte noch Bundestrainer Heß nach der Goldmedaille: "Er war heute wieder der große Leitwolf, hat einen überragenden Wettkampf gemacht. Jetzt sollte er endgültig vergessen, daß es am Sonntag nicht aufs Stockerl gereicht hat."
Daß es dann auch beim Flutlichtspringen nicht optimal lief, war wohl mehr auf familiäre Probleme und gesundheitliche Sorgen um Söhnchen Nicki zurückzuführen. Verständlicherweise, gibt es doch noch wichtigere Dinge im Leben als den Sport, nämlich das Wohl und die Gesundheit der Familie.
Während des Sommer Grand Prix 1999 in Hinterzarten erklärte Dieter Thoma seinen endgültigen Rücktritt vom Spitzensport, aber erfreulicherweise hat Dieter dem Skispringen nicht ganz den Rücken gekehrt, sondern begeistert uns nun gemeinsam mit Günther Jauch als Experte bei diversen Fernsehübertragungen.
Ein Jahr nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn wurde Dieter Thoma in Hinterzarten, wo wäre der Rahmen auch passender als dort, offiziell verabschiedet und bekam aus den Händen von Generalsekretär Helmut Weinbuch das DSV Ehrenzeichen in Gold vor mehr als zehntausend begeisterten Zuschauern. Von seiner Heimatgemeinde erhielt Dieter außerdem den Ehrenteller.


Quelle: "Der Feuerkopf", erschienen 1998 im wero press Verlag

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